Auf dem Deutschen Marken-Summit im Gespräch über die Zukunft der Medien: Carsten Knop, F.A.Z.-Wirtschaftsredakteur, und Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitale Medien, F.A.Z.

 

Carsten Knop: Ist Facebook für die Tageszeitung als Medium Konkurrenz – oder sogar schon mehr als das?

Matthias Müller von Blumencron: Facebook ist eine Plattform, die die Nutzer schätzen. Wir nutzen sie vermehrt, weil unsere Leser dort sind. Facebook ist heute für uns eine ganz wichtige Vertriebsplattform. Im Moment ändert sich die Art und Weise, wie wir an die Leser herankommen, radikal: Wir warten nicht mehr nur, bis jemand auf unsere Website kommt und sich informiert. Wir versu­chen, unsere Leser dort zu finden, wo sie sich aufhalten – nicht nur auf Facebook, sondern vor allem über die technischen Geräte, die die Leser und Kunden bei sich haben. So kommen wir viel näher an sie heran als jemals zuvor.

Knop: Durch die technischen Entwicklungen hat sich auch das Konkurrenzumfeld sehr stark verändert. Die Nutzer schreiben heute selbst. Blogger können ihre Texte auf neuen Plattformen publizieren und so von deren Reichweite profitieren. Ist das erst der Anfang?

von Blumencron: Das Konkurrenzumfeld, vor allem in den USA, hat sich dramatisch entwickelt. Was wir dort schon seit längerem sehen, wird uns in drei bis fünf Jahren erreichen. Es gibt eine Zunah­me nicht nur an Bloggern, sondern auch an Fachleuten, die sich selbst zu Marken im Netz aufbauen. Außerdem kommt es ständig zu Gründungen von redaktionellen Seiten. Ein Beispiel ist etwa politico.com, mittlerweile mit richtiger Redaktion, die aus einem Blog entstanden ist. Oder die Huffington Post, die es innerhalb von wenigen Jahren geschafft hat, die Reichweite der New York Times weit zu übertreffen. Das sind ernstzunehmende Konkurrenten, und ich rechne damit, dass wir Beispiele dieser Art immer öfter auch in Deutschland sehen werden.

Knop: Mobilität und damit der unglaubliche Siegeszug der Smartphones spielen eine immer wichtigere Rolle. Kann sich ein Medium wie eine Zeitung auf diesen Trend überhaupt einstellen?

von Blumencron: Das ist sogar essentiell. In Zeiträumen, in de­nen sie früher eine Zeitung oder ein Magazin gelesen haben, etwa in Wartesituationen am Flughafen oder am Bahnhof, greifen die Leser mittlerweile zum Smartphone. Insofern ist es für ein Qualitätsinformationshaus extrem wichtig, seine Dienste und Produkte für mo­bile Geräte zu optimieren und online zu posi­tionieren. Auch in diesem Punkt ist die Entwicklung in den USA schon weiter, dort gibt es sehr innovative Ansätze. Wir versuchen heute viel stärker als früher zu studieren, wie sich die Leser informieren und was sie erwar­ten. Inhaltlich wollen wir nach wie vor die Qualität und Tiefe bieten, die die Leser von uns gewohnt sind.

Knop: Gilt es also auch für Medienunterneh­men, durch die neuen Formen der Kommunikation den Kunden besser kennenzulernen – und sich dann auch besser auf ihn einzustellen?

von Blumencron: In der kürzlich bekanntgewordenen Analyse der New York Times über die Zukunft ihrer Zeitung steht, dass es nicht nur darauf an­komme, gute Inhalte zu erstellen, sondern diese auch an einen Leser zu bringen. Man sollte in einer Redaktion daher Distributions­manager haben. Bisher haben wir gesagt: Hier ist die Redaktion, und dort ist der Verlag. So gab es relativ wenig Überschneidungsflä­che. In der digitalen Welt geht das nicht mehr. Nun sitzt man ständig mit den Technikern zusammen, denn sie bauen das Fahrgestell, die Distributionsmaschine.

Knop: Es klingt ungewohnt, in der Redaktion einen Distributionsmanager zu haben.

von Blumencron: In der Tat gibt es in der Redaktion mittler­weile Leute, die sich sehr gut damit auskennen, wie man Texte in den Suchmaschinen unter die ersten Ergebnisse bringt, ohne sie so zu verbiegen, dass die Leser sie nicht mehr lesen wollen. Schon das ist Distributionsmanagement. Aber wir müssen in die­ser Disziplin noch wesentlich stärker und engagierter werden.

Knop: Kann man überhaupt sagen, wo wir in fünf, zehn oder 20 Jahren stehen werden, wenn es um das Machen und Nutzen von Medien geht?

von Blumencron: Was in zehn oder 20 Jahren sein wird, ist nicht voraussehbar. Dazu brauchen wir nur zehn oder 20 Jahre zurückzuschauen: Was dachten wir damals, wie die Zukunft ausse­hen würde? Und wie hat sie sich tatsächlich entwickelt? Auch die Antwort auf die Frage, was in fünf Jahren sein wird, liegt noch in sehr dichtem Nebel. Die nächsten zwei oder drei Jahre sind besser absehbar: Wir werden in der medialen Welt weiterhin eine Intensi­vierung der Information wahrnehmen. Alles wird noch näher am Liveerlebnis sein, noch direkter und vor allem noch visueller. Ich den­ke, diese direkte, visuelle Kommunikation, die wir im Moment über WhatsApp schon auf der Bilderebene mit Textbeigabe führen, wird sich auf die Videoebene übertragen. Wir werden eine Zunahme von Pushnachrichten erleben. Schon jetzt arbeiten wir ja ständig mit Feeds, Newslettern und immer mehr mit Twitter. Von überall her donnert Information auf uns ein, mit der wir umgehen müssen. Wir dürfen den Leser daher auch nicht überfrachten.

Knop: Apropos zu viele Informationen: Das Google-Urteil wird in Amerika völlig anders rezipiert als in Deutschland.

von Blumencron: Ich glaube, dass das Google-Urteil in seinen Wirkungen im Moment noch unterschätzt wird. Es kann zu einer entscheidenden Ver­änderung im Netz, nämlich von einer aktuel­len Überpräsenz des Negativen zu einer Überpräsenz des Positiven führen. Immer mehr werden wir Google und die Entität der Suchergebnisse ähnlich verstehen wie Face­book. Da wir alle gerne ein besseres Bild von uns zeichnen, werden wir die Möglichkeiten der Einflussnahme auf dieses Bild, die im digitalen Bereich leichter möglich ist, nut­zen. Das Gericht hat der Aggregation von Suchergebnissen bei Google eine mediale Dimension beigemessen. Jeder Einzelne kann eine völlig andere Identität annehmen, und dasselbe werden über kurz oder lang Konzerne und Konzernverantwortliche auf Google versuchen.

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